acappella or what?

acappella or what?

acappella ist ein Begriff, den viele in der Szene verwenden, aber ganz unterschiedliche Dinge damit meinen. Warum ist das so? Weil der Begriff schon historisch gesehen in verschiedenen Epochen gänzlich unterschiedliche Bedeutungsinhalte hatte. Im ausklingenden 20. Jahrhundert begann sich darüber hinaus ein zeitgenössischer A-cappella-Begriff mit popularmusikalischer Ausrichtung zu entwickeln.

In der Literatur ist über die Wurzeln des zeitgenössischen A-cappella-Ensemblegesangs und ihre Entwicklung im Zeitverlauf Widersprüchliches zu lesen, vieles ist nicht erforscht. Einigkeit besteht jedenfalls, dass Ensembles aus den Bereichen Barbershop , Mbube , Doo-Wop , Rock, Gospel und Spiritual sowie dem vokalen Jazz seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Tradition des populären A-cappella-Ensemblegesangs beigetragen haben, auf die sich zeitgenössische Ensembles implizit berufen.

Das Voice Mania Festival schlägt auf ihrer Startseite in dieselbe Kerbe:

Aus dem Gesang ohne Instrumente (a cappella) ist ein eigenständig pulsierendes Genre aus Stimmkunst, Beatbox und Body Percussion gewachsen. VOICE MANIA spiegelt diese Entwicklung seit Anbeginn wider.

Was also heißt a cappella – damals und heute? Ein Versuch einer umfassenderen Betrachtung …

1.) a cappella historisch

Etymologisch gesehen heißt a cappella aus dem Italienischen wörtlich übersetzt „nach Art der Kapelle“ (cappella). Bernhard Janz, Autor des Artikels „a cappella“ in der Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ MGG weist jedoch nachdrücklich darauf hin, dass die Komplexität, Vielschichtigkeit und auch der unreflektierte Gebrauch des Begriffs den Umgang mit ihm äußerst heikel machen.[1] Hintergrund seiner Aussage ist der Umstand, dass der Begriff historisch für Sachverhalte mit gänzlich unterschiedlichem Bedeutungsinhalt angewandt wurde – nämlich als Stilbegriff, als Besetzungsbegriff und als Zeitmaß.

A cappella als Stilbegriff ist an keine bestimmte Gattung gebunden, sondern meint eine kontrapunktische Kompositionsweise, die auf Messen, Motetten, Madrigale, Tenorlieder und sogar auf bestimmte Instrumentalwerke angewandt wurde. Mitte des 16. Jahrhunderts stand a cappella nach den Forderungen des Konzils von Trient zunächst für die Ausschaltung aller profanen Elemente, für Würde und Textverständlichkeit. Als „hohe Schule“ der Komposition zeichnete sich a cappella satztechnisch ab ca. 1600 durch lange Notenwerte, sparsamen Gebrauch von Dissonanzen und einen Vorrang der Harmonie zu Ungunsten des Textes in Form von kontrapunktischer Faktur und strenger Polyphonie aus. Ob und in welchem Ausmaß dabei ohne Instrumentalbegleitung gesungen wurde, ist nach gegenwärtigem Forschungsstand nicht klar. Die Musikwissenschaft geht davon aus, dass die Mehrfachbesetzung einzelner Stimmen, die Begleitung durch Orgel oder von anderen Instrumenten colla parte jedenfalls keine Seltenheit war.

Der im 19. Jahrhundert geprägte Besetzungsbegriff a cappella lässt demgegenüber den Kompositionsstil unberücksichtigt, solange es sich um eine chorisch-vokale Besetzung handelt. Die musikalische Praxis stand für eine Säkularisierung des A-cappella-Begriffs, da sie wesentlich von Amateuren getragen wurde und nicht mehr auf den kirchlichen Rahmen beschränkt war. Bisweilen gibt die Überschrift a cappella in klassischen Werken auch lediglich das Zeitmaß eines Stückes an, indem sie die Verwendung eines Alla-breve-Taktes kennzeichnet oder auch nur ein getragenes Zeitmaß meint.

Das geistliche Schaffen des italienischen Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525–1594) gilt im allgemeinen als das Muster der A-cappella-Musik, da hier noch am ehesten alle Bedeutungsaspekte zusammentreffen. A-cappella als mehrstimmiges, nicht instrumentales Vokalstück wird erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts in dieser Form als reiner Besetzungsbegriff wahrgenommen. Dieser Begriffsinhalt wurde von der Musikwissenschaft übernommen, was nicht selten zu Unklarheiten und Missverständnissen geführt habe, so Janz.[2]

Die historischen Bedeutungsinhalte des Begriffs sind für die vorliegende Forschungsarbeit relevant, da sie im gegenwärtigen Diskurs deutliche Spuren hinterlassen haben. Von Janz‘ Begriffsdefinitionen nicht umfasst ist die popularmusikalische Tradition des A-cappella-Gesangs.

2.) a cappella heute

Der einflussreiche deutsche Blog „acappella-online.de“ erläutert den zeitgenössischen A-cappella-Begriff wie folgt:

Gerade im erst ausgeklungenen 20. Jahrhundert entwickelte sich die A Cappella Musik enorm. Von den Revellers ueber die Comedian Harmonists bis hin zu den King\’s Singers. Mit den 70er bzw. 80er Jahren kam es zu einer breiten Auffaecherung der A Cappella Szene, die viele Ensembles hervorgebrachte. Auch der Stil der A Cappella Gruppen wurde um ein Vielfaches facettenreicher und differenzierter. Bei genauerer Analyse der modernen A Cappella-Szene sollte – gerade auch um zu einer klare Abgrenzung zum Pop-Bereich zu gelangen, der mit Boy- oder Girlgroups den Markt ueberschwemmt, die Definition fuer A Cappella lauten: Mehrstimmiger Gesang kleiner Vocalgruppen ohne instrumentale Begleitung. Oder – in Anlehung an einen Werbespot von Nike: No Instruments, just voices.[3]

Diese Definition scheint auf den ersten Blick unmissverständlich zu sein, doch gibt es subtilere Bedeutungsunterschiede im Begriffsverständnis der Szene-AkteurInnen, je nachdem,  welchem „Lager“ sie zuneigen.

Eine konservative, quasi „puristische“ Begriffsauslegung orientiert sich stark am historischen Begriffsverständnis des Palestrina-Stils. Sie favourisiert getragene, close harmony Arrangements ohne „störende“ Technikverstärkung und Showelemente (Stichwort: Halbkreis!). Das Kollektive im Gesang steht über allem, klangliche Homogenität ist das höchste Ziel. Insgesamt wird A-cappella-Gesang hier als die höchste Kunst im Vokalbereich angesehen.

Gerade in den letzten 10 Jahren hat sich demgegenüber eine deutlich liberalere, pragmatischere Sichtweise des Begriffs herausgebildet, die vor allem im Pop und im Cover/Comedy-Bereich zuhause ist. Der Bandgedanke ist vorherrschend, das Individuum als Solist tritt gerne stimmlich und kleidungstechnisch hervor. Soundfetischismus gibt es auch hier, doch konzentriert man sich nicht auf einen homogenen Gleichklang, sondern will mittels Effekten technischer oder stimmlicher Natur einen einzigartigen Bandsound kreieren, der sich an vergleichbaren instrumentalen Bands orientert. Der Einsatz von Tontechnik, Live-Effektgeräten, Choreographie und Showelementen ist aus praktischen und kommerzillen Gründen notwendig und erwünscht. So lange der Sound nur nicht wieder zu „künstlich“ für a cappella klingt – ein schwieriger Drahtseilakt …

Wie stark diese Begriffsdeutungen in Praxis von A-cappella-Bands hineinspielen, merkt man z.B. daran, dass die Wise Guys ihre Abschiedstour in zweifacher Ausführung anboten – einmal „unplugged“ für die eingefleischte Fanschaft, ein zweites Mal mit vollem technischen Einsatz & Showelementen in großen Hallen.

Die deutsche Männergruppe Maybebop hingegen gehört zu einer zeitlich jungen Bewegung in der zeitgenössischen A-cappella-Fraktion, die ihre Tätigkeit in der Außendarstellung zunehmend nicht mehr als a cappella bezeichnen, weil sie von den damit einhergehenden Begriffszuschreibungen und Erwartungshaltungen von Fans und breiter Bevölkerung gleichermaßen frei sein wollen. Uneingeschränkte Kreativität bei der Klangentwicklung und beim Repertoire lautet ihr Credo. Die Mitglieder des preisgekrönten deutschen A-cappella-Ensembles Tonalrausch folgten diesem Ideal, als sie sich 2015 bewusst in Voxid umbenannten, und bezeichneten diesen Schritt als „Befreiungsschlag“ [1]. Damit einhergehend beschlossen sie, auch mit der Tradition des deutschsprachigen A-cappella-Gesangs in der lokalen Szene zu brechen:

Die einen arrangieren Chart-Hits der vergangenen Jahrzehnte in stimmtaugliche Versionen um, die anderen schreiben eigene, vorwiegend komödiantische Songs in deutscher Sprache. VOXID bricht mit dieser Tradition und schreibt englischsprachige Popmusik.[4]

(Eva-Maria Bauer  von AcaLala)

Weitere Details zur A-cappella-Szene nachzulesen in meiner Masterarbeit:

A cappella und die Macht der Definition. Wechselwirkungen zwischen diskursiver Begriffsformation und musikalischer Praxis in der Szene von A-cappella-Ensembles im deutschsprachigen Raum“, Universität Wien 2007

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[1] Bernhard Janz: „a cappella“, in: Finscher, Ludwig (Hrsg.), Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik, Bd. 1 (Sachteil), 2. neubearb. Ausgabe, Kassel u.a.: Bärenreiter Metzler 2000, Sp. 24.

[2] Ebd. Sp. 24-25.

[3] acappella-online.de: „Was ist A Cappella”, in: Dies., http://www.acappellaonline.de/de/node/12157, letzter Zugriff: 04.02.2017

[4] VOXID: „Voxid – vocal pop experience“, in: acappella-online.de, http://www.acappella-online.de/de/node/28499, veröffentlicht am 18.01.2016, letzter Zugriff: 16.02.2017.